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October 2005 Archives

October 3, 2005

Der Mann mit dem goldenen Gürtel

Gestern habe ich erfolgreich an der Aikido-Prüfung zum 5.kyu teilgenommen. In der Hong Kong Aikido Association trainiert man gern mit bunten Gürteln und mir wird fortan ein gelber zugestanden.
Julietta war so nett mir nach der Prüfung ihren Gürtel zu überlassen. Sie braucht jetzt einen orangenen.

Am Rande:
Das Chinesische Zeichen für "gelb" ( 黄 huáng ) ist von einem Piktogramm abgeleitet, welches einen Mann darstellt, der etwas um die Hüfte trägt.
Ich lasse das mal unkommentiert so hier stehen.
huang.png

27. September Protokoll 2005

Das diesjährige 27. September-Protokoll schreibe ich erst am 3. Oktober und obwohl ich versucht habe mir genau zu merken was ich am letzten Dienstag gemacht habe, verschwimmen die Ereignisse etwas mit den anderen Tagen in dieser Woche.

Interessant ist meine Situation in diesem Jahr:

Die letzten vier Monate habe ich in Hong Kong verbracht, wo ich auf Lamma Island eine Wohnung gemietet habe. Diese Wohnung ist nicht toll, aber mitten im Grünen gelegen und mit der Fähre nur 20 Minuten vom Stadtzentrum ("Central") entfernt.
Gleich nach meiner Ankunft bin ich der Hong Kong Aikido Association beitetreten und habe einen Internet-Anschluss bekommen.
Diese beiden Dinge – Internet und Aikido habe ich in Zhuhai immer sehr vermisst.
Das Leben in Hong Kong hat aber auch Nachteile für mich: Alles ist so teuer, dass ich meinen Lebensstandard wieder auf "bescheiden" zurück schrauben, und selbst kochen muss. Zum Glück besitze ich einen Gasherd und Ragna und Jan haben mir einen Wok geschenkt. Es gibt jeden Tag Gemüse mit Reis, meistens ziemlich scharf, mit viel Knoblauch und Ingwer.
Eine Andere Sache, die mich an Hong Kong stört ist, dass niemand Mandarin sprechen kann und ich nicht besonders motiviert bin, Kantonesisch zu lernen.
Zwar nehme ich an einem kostenlosen Kantonesisch- Kurs teil, den Emily, auf Lamma bekannt für "Emily's Icecream parlor", veranstaltet, aber in Hong Kong wird überall Englisch verstanden – und eigentlich finde ich: _ein_ Chinesisch-Dialekt reicht!

Unterm Strich gefällt es mir aber so gut in Hong Kong, dass ich gerne länger hier bleiben möchte. Es ist, dank liberaler Gesetzgebung auch für Ausländer leicht möglich eine Firma (limited) zu gründen und ich war drauf und dran den "Minhang Raceclub Hong Kong" aus der Taufe zu heben, als Jutta und Bernd mir eine sehr interessante Alternative vorgeschlagen haben, die mich voraussichtlich schon dieses Jahr wieder zurück nach Berlin bringen wird.

Zunächst habe ich Zhang Yiping versprochen auch in diesem Semester an der BNU zu unterrichten. So kam es, dass ich den 27. September auch dieses Jahr wieder in Zhuhai verbracht habe.
Vormittag:
Der größte Teil des Vormittags verging mit meiner Bemühung, warmes Wasser zu organisieren, denn nach meiner Rückkehr musste ich feststellen, dass der Boiler den Geist aufgegeben hatte. Drei Handwerker erschienen, Minuten nachdem ich das Problem gemeldet hatte, konnten den Boiler aber auch nicht reparieren und wollten daher die fünfjährige Garantie des Herstellers in Anspruch nehmen. So musste ich leider auch den Rest der Woche kalt duschen.
Zum Mittagessen traf ich mich mit Liu Haiping im Lao Beijing, wo wir Tofu und Lamm assen.

Anschliessend, um zwei Uhr begann mein 3d-Kurs im Computer-Raum der Universität. Am Tag zuvor haben meine Schüler die Hälfte des Unterrichts damit zubringen müssen, die 3D Software zu installieren. Das ist meiner Meinung nach unzumutbar. Da der Unterricht nun in einem anderen Klassenraum stattfinden sollte, zeichnete sich ab, dass schon wieder ein grosser Teil der Unterrichtszeit sinnlos verschwendet werden würde, aber Li Xueshi sorgte dafür, dass der Installations-prozess diesmal schnell und reibungslos über die Bühne ging. Wir hatten also viel Zeit um uns mit den Grundbegriffen des "Polygon Modeling" zu beschäftigen.
Am Ende des Tages – nachdem ich eine Stunde überzogen hatte – waren alle in der Lage eine Tasse mit Henkel zu bauen.

Zum Abendessen gab es rohe Kartoffelschnipsel mit Essig (ich liebe es), die ich allein im Kai Wan Xiao zu mir nahm. Eigentlich hatte ich mich mit Liu Jing treffen wollen, aber sie hatte schon gegessen. Wir trafen uns anschliessend in meiner Wohnung und ich lernte an diesem Abend die Regeln von Xiang Qi – dem chinesischen "Elefanten"-Schachspiel. Wir spielten die ersten zwei Partien meines Lebens.

October 4, 2005

Wort in Bewegung

"Verb" heisst auf Chinesisch
动词 (dòngcí)
dabei bedeutet 动 "Bewegung" oder "Aktion". Chinesische Verben sind, direkt übersetzt also Aktionsworte.
Ich stelle mir vor, dass das deutsche "Tuwort" unglücklich ist und gern zum "Wort der Tat" befördert werden möchte.

October 8, 2005

Rebecca + Tina + Tomma go Lamma

besuch auf der Insel

Kürzlich waren Tina, Tomma und Rebecca auf meiner Insel zu Besuch.
Hier gibt es noch mehr Fotos zu sehen.

October 9, 2005

象棋 Xiàngqí

象棋 (Xiàng Qí) – das "Elefanten Spiel" wird auf einem Brett mit 64 Feldern gespielt. Es gibt einen Fluss in der Mitte und zwei Paläste – die, durch diagonale Linen gekennzeichneten Bereiche.
Der König und seine Wachen dürfen ihren Palast niemals verlassen.
Die Figuren werden auf die Kreuzungs-Punkte der Linien gesetzt, sodass sich ein Spielfeld von 9 x 10 Punkten ergibt.

xiangqi.png


Die Figuren:
Jeder Spieler hat fünf Soldaten, zwei Streitwagen, zwei Pferde, zwei Elefanten, zwei Palastwachen, zwei Kanonen, und einen General. Die Farben sind im Chinesischen Schach rot und schwarz – rot macht den ersten Zug.

Der "Wagen" wird gewöhnlich "chē" ausgesprochen, im Schach aber "jǖ" genannt – was "Streitwagen" bedeutet.
Er kann sich horizontal und vertikal bewegen, wie der Turm im westlichen Schach und ist damit die stärkste Figur von allen.

Auch das Pferd bewegt sich, wie seine Vettern aus dem Westen in L-Form. Da die Chinesen kein L kennen, beschreiben sie die Bewegung mit dem chinesischen Zeichen für Sonne 日 (rì).
Das Chinesische Pferd kann allerdings keine anderen Figuren überspringen.
相 象 xiàng
Der Elefant kann sich genau zwei Felder diagonal bewegen, und den Fluss nicht überqueren, sodass es insgesamt nur sieben Felder gibt die er einnehmen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass auch der Elefant keine Figuren überspringen kann. Der Elefanten-zug kann durch das chinesische Zeichen für "Feld" 田 (tīan) beschrieben werden.
Wie Soldat, Kanone und General ist auch das Zeichen für Elefant nicht mit dem des Gegners identisch.
士 仕 shì
Die Palastwache darf sich mit jedem Zug nur ein Feld diagonal bewegen – und zudem den Palast nicht verlassen. Es gibt also nur 5 Felder, welche für Palastwachen zugänglich sind.
shuài jiāng
Der General ist in seiner Bewegung ebenfalls auf das Palast-Areal beschränkt. Er darf sich jeweils ein Feld horizontal oder vertikal bewegen.
Analog zum internationalen Schach, ist es das Ziel des Spiels, den gegnerischen General matt zu setzen.
Die zwei verfeindeten Generäle dürfen sich niemals "sehen": Wenn sie auf der gleichen vertikalen Linie stehen, muss immer mindestens eine Figur zwischen ihnen stehen.
炮 砲 pào
Die Kanone ist die interessanteste Figur im Elefanten-Schach (finde ich). Sie kann sich bewegen wie der Streitwagen (also beliebig viele Felder ortogonal), muss zum Schlagen aber eine andere Figur überspringen.
Anders gesagt: Die Kanone kann eine gegnerische Figur nur schlagen, wenn sie dazu über genau eine andere Figur springt. Das kann eine eigene, oder eine gegnerische Figur sein.
Wenn die Kanone nicht schlägt, darf sie auch nicht springen.
bīng
Der Soldat bewegt sich mit jedem Zug genau ein Feld vorwärts, bis er den Fluss überquert hat und sich mithin auf gegnerischem Territorium befindet. Dann darf er sich auch horizontal bewegen. Aber immer nur ein Feld pro Zug und niemals kann der Soldat sich zurückziehen.
Wenn er das Feindesland durchquert hat, darf er sich nur noch horizontal hin und her bewegen.
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Um einen Sieg zu erringen muss man den gegnerischen General nicht unbedingt schachmatt setzen: Es genügt, wenn er keinen legalen Zug mehr machen kann.
Nur wenn keine Partei den gegnerischen General bezwingen kann, endet das Spiel unentschieden.

Etwas ausführlicher kann man die Regeln auch bei Wikipedia nachlesen.

October 24, 2005

Sag' zum Abschied leise 88

Chinesen und Deutsche haben überraschend vieles Gemeinsam; z.B. eine Mauer die obsolet geworden ist und ein Abschieds-Kürzel in Emails:

Chinesische Emails enden gern auf "88" weil sich "acht" auf chinesisch so ähnlich anhhört wie "bye".

Manche Deutsche verabschieden sich ebenfalls mit "88", weil damit ein Akronym verschlüsselt werden kann. Der achte Buchstabe des Alphabets ist "H".

October 28, 2005

Ricky

Ricky ist Filipino und heisst mit einem seiner vier Vornamen eigentlich "Rickardo" – Ein Typ, wie aus der West-Side-Story also, aber ich habe mich erkundigt: in der West-Side-Story kommt kein Ricky vor.
Ich treffe ihn regelmässig beim Aikido Training. Mit Hakama, zusätzlich zu Bart und seinen langen Haaren sieht er aus wie die Idealbesetzung für einen Kurosawa-Film.

Ricky erzählt immer wieder Geschichten, die Stoff für dieses Weblog sind. Deshalb bedauere ich fast, dass er keine Figur ist, die ich mir selbst ausgedacht habe.

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Neulich kam Tao Sha zu Besuch und Ricky half ihr dabei ein günstiges Hotel zu finden.
In Manila, erzählte er uns, gäbe es eine Stundenhotel-Kette. Wenn man mit Freunden bis spät in die Nacht gefeiert hat, ist es oft die günstigste Lösung, sich in einem Stundenhotel für eine Weile auf's Ohr zu hauen.
In letzter Zeit sei allerdings die Selbstmord-Rate in diesen Hotels derart angestiegen, dass man die Zimmer nicht mehr an Einzelpersonen vermieten will. Ricky geriet bisweilen in die Situation, dass er den Hotelier vehement davon überzeugen musste, das er kein Selbstmord-Kandidat ist, wenn er nicht den Rest der Nacht auf einer Parkbank verbringen wollte.

Ricky hat aber auch Verständnis für die Selbstmörder, wenn sie versuchen einen ruhigen Ort für ihre letzten Minuten zu finden.
Auf Cheng Chao Island, meiner Nachbarinsel, gibt es eine Reihe von Hotels die sich den Beinamen "Suicide Manisons" erworben haben.

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